Wie nachhaltig ist Tchibo?

 
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In der nächsten Woche startet Tchibo die Kampagne nachhaltiger Leben. Nun fragt man sich bei einem so großen Unternehmen, wie nachhaltig ist Tchibo wirklich?


Jetzt denk bitte nicht gleich “Och neee… macht die hier jetzt ganz stumpf Werbung…” Nein! Ich bin zwar kürzlich von Tchibo eingeladen worden mich im Zuge eines Presse-Events über die neue Produkte zu informieren, aber das beeinflusst meine eigene Meinung nun wirklich nicht. Zudem floss für diesen Post auch keinerlei Kohle… also keep chillin’ :)

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Dass Nachhaltigkeit und ein bewussterer Umgang mit unseren Ressourcen nun auch in der breiteren Masse angekommen ist, entgeht größeren Unternehmen natürlich auch nicht. Neue Öko-Labels sprießen derzeit aus dem Boden wie Pilze. Ob das alles wirklich notwendig ist kann man sich da manchmal schon fragen. Es gibt eben zwei Seiten. Zum einen gut, dass es sie gibt. Zum anderen braucht man nicht unzählige neue Labels, die noch mehr Klamotten und Co in den Konsumkreislauf feuern.

Wie dem auch sei ist der Nachhaltigkeitsgedanke allgegenwärtig. Auch große, alteingesessene Unternehmen wollen hier ebenfalls ein Stück vom Kuchen. Einige sind ernsthaft bestrebt sich zu verbessern und auch tatsächlich auf einem guten Weg. Andere hingegen ziehen sich einen grünen Umhang an und locken mit den bekannten Schlagworten (Nachhaltig, Öko, Vegan, Bio….), ohne dass sich wirklich ein ernsthafter Ansatz dahinter verbirgt.

All das macht es uns als Konsumenten wirklich schwer hinter die Fassade zu blicken. Besonders wenn man nicht die Zeit hat sich detailliert mit dem Thema zu beschäftigen.

*unsplash

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Der Auslöser etwas zu ändern

Anfang April 2005 informierte die Clean Clothes Kampagne über Verletzung von Menschen- und Arbeitsrechten von Tchibo-Zulieferern in Bangladesch. Textilarbeiterinnen standen plötzlich vor den Filialen und forderten bessere und faire Arbeitsbedingungen.

Das war laut Tchibo der Auslöser sich künftig stetig im Bereich Nachhaltigkeit und Fairness zu verbessern.

Der Ansatz von Tchibo

Seit einiger Zeit gibt es bei Tchibo schon faire Baumwolle, fairtrade-Kaffee und BIO-Kaffee, worauf ich gleich noch eingehen werde.

Die neue Kampagne von Tchibo “Wie kann jeder Einzelne von uns täglich nachhaltiger leben?” findet sich ab dem 9. Juli in über 600 Filialen und sogar 8000 Supermärkten.

In einem kleinen Haus aus Recycling-Karton werden die unterschiedlichsten Produkte des Alltags angeboten. Allesamt sollen nachhaltig sein. Hinzu gibt es auf der Verkaufsfläche viele Informationen zum Thema Nachhaltigkeit und Ressourcen.

c by Tchibo

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Wie nachhaltig und fair ist Tchibo in einzelnen Kategorien?

Natürlich hatte ich nach der Veranstaltung noch ein paar Fragen, die ich anschließend an die Nachhaltigkeitsabteilung geschickt habe.

Dass Tchibo zunehmend Biobaumwollprodukte anbietet und ab und an auch mal Recyclingprodukte, hat man schon bemerkt, allerdings hatte ich als Verbraucher immer etwas Mühe im Laden herauszufinden, was genau dahinter steckt.

Mein Problem ist oft, dass es nicht allumfassend ist. Bio-Kaffee ist bio und hier hängt es auch wirklich vom jeweiligen Siegel ab inwiefern es bio ist. Allerdings ist Bio-Kaffee nicht gleichzeitig fair oder ein Garant dafür.

Genauso ist es bei der Kleidung. Nur weil die Baumwolle bio ist, heißt das nicht, dass anschließend auch fair produziert wurde. Als Verbraucher sollte man das auch immer im Kopf haben.

c by Tchibo

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Nachhaltigkeit und Fairness – Wo genau?

Das Presse-Event wurde wie eine Art Speed-Dating aufgebaut. Wir wurden in Gruppen eingeteilt und besuchten nach und nach verschiedenen Stationen, wo man uns innerhalb von 15 Minuten komprimierte Informationen zu den Themen:

·         Kaffee

·         Baumwolle

·         Kreislauf / Recycling / Ressourcen

·         Produktionsbedingungen


Man merkt schon, dass Tchibo ernsthafte Bemühungen in Richtung Fairness und Nachhaltigkeit hat, aber auch hier ist der Weg noch weit und vielleicht etwas steinig. Ich verstehe auch, dass so ein Prozess nicht von heute auf morgen geht und gerade bei einem so großen Unternehmen eine enorme Herausforderung darstellt.

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Meine Fragen an Tchibo

Kaffee:

Bezüglich des Kaffees hat Tchibo entweder Bio-Kaffe, Fairtrade-Kaffee, Rainforest Alliance (was nicht gerade ein Top-Siegel ist – Für mehr Infos hierzu sprich mich gerne an 😉 )

Einen Kaffee, der alles erfüllt gibt es nicht.

Hier kommt allerdings das große ABER…  Siegel sind eine Maßnahme für mehr Nachhaltigkeit und Fairness, aber eine Zertifizierung kostet eben auch.

Was Tchibo hier bisher macht, ist bis jetzt 35.000 Farmer in 8 Ländern bei der Umstellung zu einem ökologischen Anbau zu unterstützen.

In der Gesamtheit macht das 8,8% aus (400.000 Farmer weltweit) . Es ist immerhin ein Schritt in die richtige Richtung.

Die Antwort von Tchibo:

„Fast jeder 4. Kaffee von Tchibo ist nachhaltig; 51 verschiedene Kaffees aus nachhaltigem Anbau beinhaltet unser Sortiment. In unseren Filialen schenken wir ausschließlich nachhaltige Kaffees aus.“

 

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Recycling:

Auch Kapseln hat sind im Produktportfolio. Laut Tchibo sind sie recycelbar. Das mag stimmen, allerdings heißt das nicht, dass die Kapseln, die im gelben Sack entsorgt werden, auch tatsächlich für Recycling verwendet werden. Nur ein Teil der Produkte, die im gelben Sack landen werden tatsächlich recycelt. Die zahlen hierzu schwanken etwas. Es sollen ca. 40% sein.

Kaffeekapseln finde ich ohnehin die schwachsinnigste Erfindung, seit es Kaffeekapselmaschinen gibt 😉

Kleiner Hinweis: Schwarzer Kunststoff kann zudem nicht recycelt werden, weil die Anlange noch nicht in der Lage sind diesen zu erkennen. Das betrifft vor allem Männerduschgels usw.

 

Mode aus recyceltem Polyester:

Es gibt nun auch einen Plisseerock aus 100% recyceltem Polyester. Recycling ist gut, aber hier ist die große Frage, wie wurde recycelt. Bei der Herstellung von rPET wird eben auch ein erheblicher chemischer Aufwand betrieben, was der Umwelt auch wieder schadet. Hinzu kommt der CO2-Ausstuß durch die Transportwege.

Die Antwort von Tchibo:

„Für das Produkt wurden Textilabfälle in China chemisch recycelt. Aufgrund der hohen Komplexität in der Lieferkette tracken wir aktuell unsere Produkte bis zum Garnhersteller, jedoch nicht bis zur Herkunft des wiederverwendeten Abfalls. Wir arbeiten jedoch daran die Transparenz zunehmend zu erhöhen.“

Unabhängig davon, dass ich zum Beispiel Polyester auf der Haut sehr unangenehm finde, ist es auch wieder ein weiterer Verursacher von Mirkoplastik beim Waschvorgang (Es sei denn man hat DEN Waschbeutel von guppyfriend).
 

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Annahme gebrauchter Kleidung

Tchibo soll auch gebrauchte Kleidung wieder annehmen. Dies entsteht in Kooperation mit FairWertung - Ein bundesweites Netzwerk von gemeinnützigen Organisationen, die Altkleider sammeln. Transparentes Sammeln und Verwerten von gebrauchter Kleidung, was direkt in soziale Projekte fließt

 

Mieten anstatt kaufen / TchiboShare

Was ich wirklich richtig genial finde, Tchibo bietet Kleidung und diverse andere Produkte zB.: Campingausrüstung usw. zur Miete an. Das ist glaube ich ein Modell, das noch in der breiten Masse ankommen muss, aber nachhaltiger geht es ja echt nicht.

Man muss sich dann für den anstehenden Wanderurlaub nicht zwingend eine Outdoorjacke kaufen, wenn man sie leihen kann.

Kleidung für Frauen gibt es derzeit schon, soll aber noch deutlich ausgebaut werden. Ich freue mich.

Bei Baby- und Kinderkleidung ist hier schon deutlich mehr im Angebot.

 

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Baumwolle:

Mittlerweile ist tatsächlich ein großer Teil der Baumwolltextilien ausschließlich aus Biobaumwolle. Bettwäsche, Bettlaken, Handtücher, Babykleidung teils sogar GOTS-zertifiziert.

Zwar ist die Kleidung oft noch nicht als fair zertifiziert, dennoch hat Tchibo die WE-Initiative ins Leben gerufen, die genau hier ansetzen soll. Wie genau das hier wirklich funktioniert ist für mich nicht ganz ersichtlich oder besser gesagt wie vertrauenswürdig das Ganze ist. Also hier keine Wertung!

 

Produktionsbedingungen:

Auch andere Produkte, wie Elektroprodukte, sind hier mit eingeschlossen. Das macht  bisher erstaunliche 70% der gesamten Zulieferbetriebe aus.

 

Ist Tchibo nun nachhaltig & fair

Hier bin ich wirklich hin und her gerissen. Alles in Allem finde ich es gut, dass Tchibo mit der neuen Kampagne auf ein Problem aufmerksam macht, das wichtig ist und somit noch mehr in die breite Masse gelangt.

Mal ehrlich, ich kenne noch super viele Menschen, die nicht so auf Nachhaltigkeit beim Konsum achten. Schlicht, weil es sie nicht interessiert oder sie bisher noch keine Berührungspunkte damit hatten. Ich missioniere hier auch nicht … Auch wenn es manchmal echt schwer fällt 😉

Der Ansatz von Tchibo ist gut. Nun sind wirklich jedem Bienenwachstücher, wiederverwertbare Strohhalme (sofern man sie braucht), und Sportbekleidung aus Econyl (alte Fischernetze) allgegenwärtig. Es werden zumindest eine Menge Leute ab nächster Woche anhand von Infotafeln aufmerksam gemacht.

Tchibo selbst sagt, dass sie noch einen weiten Weg vor sich haben, aber das finde ich auch okay, sie geben sich noch nicht als DAS nachhaltige Unternehmen aus, sondern sind eben auf einem guten Weg. Ich bin gespannt was da noch kommt.

Wer allerdings so viele Produkte bietet, die teils echt unnütz sind und für seine Kunden „jede Woche eine neue Welt“ im Programm hat, ist nicht wirklich nachhaltig.

Hier sind auch die Verbraucher, die diese unnötigen Dinge kaufen einfach selbst Schuld. Entschuldige bitte, aber wer benötigt z.B.: Folgendes (Achtung es wird lustig):

·         Apelschälmaschine

·         Dressingmixer

·         extra Turbanhandtuch

·         extra Spülbürste für den Ausguss (ich nehme einen normalen Schwamm)

·         Flaschenöffner, der beim Öffnen jubelt / Es gibt auch einen der Mitzählt ohne Jubel

·         Eier-Shaker

·         Minikuchenbackautomat

·         Cappuccino-Schablonen

·         Teigprotionierer (Ein Löffel tut’s nicht?)

·         Cellulite-Massagegerät…


Die Liste könnte ich noch durchaus weiter führen und kein Witz es gibt diese Dinge wirklich im Angebot.

 

natürlich hat Tchibo prominente Markenbotschafter :) aber die Auswahl haben sie hier wirklich gut getroffen.

natürlich hat Tchibo prominente Markenbotschafter :) aber die Auswahl haben sie hier wirklich gut getroffen.

Okay, hier sei jedem überlassen was er wirklich für sinnvoll hält.
Es ist eben deren Geschäftsmodell, was sie nicht umschmeißen können/wollen. Würde ich als Unternehmung auch nicht.

Hier ist es aber schon mal lobenswert, dass sie wenigstens etwas tun. Tchibo Share und Biobaumwolle und fairtrade-Kaffee sind schon mal ein Anfang. Auch die Verwendung von alternativen Materialien, wie ECONYL ist schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

 

Was meinst Du?

Wie siehst Du den Vorstoß hier? Es gibt viele Unternehmen, die hier versuchen Greewashing zu betreiben. Hier denke ich haben wir es mit einem Unternehmen zu tun, das zwar noch einiges vor sich hat, aber ernsthaft bestrebt ist, etwas zu tun.